Sagmal.de: Ich wäre froh, wenn Sie weitere Antworten wagen würden.
Dr. Kiehne: Also gut, versuchen wir es.
Ein weiser Narr ist ...
... einer, der die Wurst sieht, die man ihm hinhält, trotzdem danach schnappt - und sie ohne Reue genießt?
... einer, der sich Donald Duck näher fühlt als Gustav Gans?
... einer, der an das gute Ende glaubt und um die gute Gegenwart weiß?
... einer, den es traurig macht, dass man auf die Idee kommen kann, Fragen bescheuert zu finden?
... einer mit dickem Verstand zum (Ver-)Zweifeln und dickem Bauch zum (Krank)Lachen?
- oder aber doch irgendwas ganz anderes?
Jippie-a-yeah Schweinebacke, vielleicht wird ja doch noch ein Interview draus!
Sagmal.de: Da bin ich ganz sicher. - “Ein weiser Narr ist einer, den es traurig macht, dass man auf die Idee kommen kann, Fragen bescheuert zu finden.“
Es ist kein Grund zum Traurigsein, dass ich nur eine Frage geschickt habe, sondern hat folgende Ursache: Ich habe einfach mit der bisherigen Methode, gleich mehrere Fragen zu schicken, Probleme bekommen. Ich meine, dass man besser nicht zu viele Fragen stellen sollte, da zumeist eine offenere (ehrliche) Frage dem/der InterviewpartnerIn mehr Freiheit lässt, die Dinge zu sagen oder zu schreiben, die er/sie möchte. Ich hak dann lieber mal nach, wenn ich etwas nicht zu verstehen glaube.
Dr. Kiehne: Das Wort "traurig" war schlecht gewählt, touché! Ich hatte mir von Anfang an ein Hin und Her vorgestellt, als ich e-mail-Interview las, so wie wir es jetzt tun, nicht das Übersenden eines Fragenkatalogs.
Sagmal.de: Außerdem war es wirklich ein Fehler, Ihre Magisterarbeit zuerst zu lesen.
Dr. Kiehne: ??? Auf diesen Satz erheische ich eine mindestens vier Sätze umfassende Erklärung von Ihnen. Drunter gehts nicht!
Sagmal.de: Ich duelliere mich doch nicht mit Ihnen hier?
Dr. Kiehne: Nö, das ist nichts als blanke Neugier, das interessiert mich wirklich. Muss aber nicht hier und jetzt sein. Fragen Sie also getrost weiter.
Sagmal.de: Gut. „Ein weiser Narr ist einer, der sich Donald Duck näher fühlt als Gustav Gans.“ Wer sollte sich denn Gustav Gans nahefühlen? Kennen Sie da wirklich wen? Ich hoffe nicht.
Dr. Kiehne: Als Wunschidee? Nie von immerwährendem Glück geträumt? In finsteren Zeiten? Es gibt zu viele, die nicht erkennen, dass sich Glück erst - wie so vieles andere - im Kontrast (zum Un-Glück) dar- und einstellt.
Sagmal.de: „Ein weiser Narr ist einer, der an das gute Ende glaubt und um die gute Gegenwart weiß.“ Ich bin mir da oft nicht sicher: Kann man wirklich etwas über die Gegenwart wissen?
Dr. Kiehne: Kann man wirklich etwas wissen, was nicht in der Gegenwart liegt? - An dieser Stelle wäre, wenn Sie zu mir kämen, eine Klärung des Begriffs fällig: Was verstehen Sie, was ich unter "Gegenwart"?
Sagmal.de: Ich verstehe unter Gegenwart, den Moment, über den ich nicht reflektiere. Beim c von cogito ist es schon vorbei damit. Was verstehen Sie darunter? Wie lang dauert die Gegenwart?
Dr. Kiehne: Ach ja, das hohe c vom cogito ... Die Gegenwart dauert nicht, das ist ja das Wunderbare an ihr. Die Gegenwart ist. Immer. Und deswegen - das ist das vielleicht noch Wunderbarere an ihr - vergeht sie auch nie.
Sagmal.de: Und was verstehen Sie unter Wissen?
Dr. Kiehne: Als Versuch einer einfachen Antwort: Kenntnis meiner Wirklichkeiten?
Sagmal.de: „Ein weiser Narr ist einer mit dickem Verstand zum (Ver-)Zweifeln und dickem Bauch zum (Krank-)Lachen.“ Das erinnert mich ein bisschen an die beiden Buddhafiguren, die auf meinem Schuhregal stehen.
Dr. Kiehne: Der Platz könnte nicht passender sein!
Sagmal.de: Warum?
Dr. Kiehne: [lächelt und schweigt]
Sagmal.de: Wissen Sie vielleicht, woher der Ausdruck "sich kranklachen" kommt? Der ist so völlig paradox, oder?
Dr. Kiehne: Nein. Wenn man - allzu sehr und als Ungeübter - lacht, strapaziert man die entsprechenden Muskeln so sehr, dass es einen (fast oder wirklich) schmerzt. Vielleicht liegts daran. Aber schlichtes Training - Mehr lachen! - könnte da Wunder wirken. Und dann ...
Ach ja, eh ichs vergesse: "Alles hat ein Ende, nur die Wurst hat - keine Rückfrage nötig gemacht "...?
Sagmal.de: Inzwischen ist das hier kein Interview mehr, Sie merken das, geneigte LeserInnen? Nein, die These, die Sie mittels eines kleinen Zeichens als Frage verkleideten, dass ein Weiser Narr einer sei, der die Wurst sieht, die man ihm hinhalte und der trotzdem danach schnappe, löste bei mir derartig viele Assoziationen aus....
Und dieses Gespräch wird bestimmt Menschen dazu bringen, gerne Ihren Rat anzunehmen. Sie beraten doch in Ihrer Anthropologischen Praxis?
Dr. Kiehne: Ja und nein; vermutlich nicht in dem Sinn, wie Sie meinen. Ich berate nicht, indem ich Ratschläge verteile, sondern indem ich mich bemühe, Bedingungen zu schaffen, unter denen sich ein/e FragestellerIn selbst beraten kann.
Sagmal.de: Könnte man das mit dem Begriff „Platonischer Dialog“ beschreiben?
[und denkt: „Hoffentlich schickt er keine Rechnung :o)!“]
Dr. Kiehne: Wieder nur ja und nein. Was das Erkunden des Terrains durch Fragen angeht: Ja. Andererseits habe ich Sokrates in den Dialogen Platos oft als Besserwisser empfunden, der seine Gesprächspartner im Grunde dazu lenkt, die eigene Meinung zu übernehmen, und selten wirklich von der eigenen Position abrückt. In diesem Sinne: Nein.
Ich möchte dabei helfen, die Position des Anderen zu klären und zu stärken. Und wenn ich gemerkt habe, dass ich Gefahr laufe, in die Falle der Sokratischen Anmaßung zu tappen, hat - bislang; zum Glück! - meist mein Eulenspiegel-Anteil sichernd eingegriffen, um mich zu retten. Ein weiterer Vorzug, bewusst weise und närrisch zugleich zu sein ... [und denkt: Wenn sie sich Gedanken über eine mögliche Rechnung macht, dann hat sie ja wohl was von diesem Interview gehabt!]
Sagmal.de: Danke für dieses Gespräch. (Nein, sie hat sie nur um ein Haar in die Schublade mit den sokratischen Vermessern gesteckt, aber aus diesem Kästchen sprang dann doch was anderes heraus, weise spiegeln Narren nicht nur Eulen und schon gar nicht nach Athen.)
|